Bösartiges Missverstehen

Man mag von der auf der Göttinger Sonder-Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen am gestrigen Sonntag beschlossenen Position zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ja halten was man will – aber wenigstens gelesen haben sollte man das, was die grünen Delegierten da verabschiedet haben, bevor man es kommentiert.

Wer sich in diesem Zusammenhang aber hinstellt und platt behauptet, die Grünen stöhlen sich aus der Verantwortung für Afghanistan, weil sie ihren Abgeordneten empfehlen, dem ISAF-Mandat im Bundestag nicht zuzustimmen (Peter Ramsauer, Chef der CSU-Landesgruppe), hat die Komplexität der Thematik nicht erfasst und beweist eine Ignoranz, die mit verantwortungsvollem Handeln nichts zu tun hat. Mag dies einem Politiker im eingebildeten Dauer-Wahlkampf vielleicht noch zu verzeihen sein, kann man über die entsprechende Kommentierung durch den Spiegel-Online-Redakteuer Claus Christian Mahlzahn nur noch den Kopf schütteln – eine stärker vom eigenen Vorverständnis geprägte Sicht der Dinge kann man sich wirklich nicht vorstellen. Aber vermutlich wäre der Kommentar schlicht nicht bis zum Redaktionsschluss fertiggeworden, wenn man sich zuvor ernsthaft mit dem Thema und der differenzierten grünen Debatte hätte auseinandersetzen müssen. Wer darauf auch nur 5 Minuten verwendet hätte, könnte Sätze wie

Die Göttinger Delegierten sehnen sich zurück in eine Welt, in der es wieder Gut und Böse, Schwarz und Weiß und Ja oder Nein gibt. Wer so etwas will, der aber gehört ins Kloster, nicht in die europäische Politik

schlicht nicht schreiben. Von nichts weiter entfernt war die Debatte auf der von mir auf Phoenix verfolgten grünen BDK als von diesem Statement.

Hatten also all diejenigen Recht, die im Vorfeld sagten, dass es nicht vermittelbar sei, sich zwar für eine militärische Absicherung des zivilen Aufbaus in Afghanistan auszusprechen, das konkrete ISAF-Mandat im Bundestag aber – wegen der Tornados, der Verquickung mit OEF und einer fehlgeleiteten Strategie im Süden des Landes – abzulehnen, um so politischen Druck aufzubauen?

Ich meine nein. Es ist vor allen Dingen eine „self-fulfilling prophecy“, die sich hier abspielt. Wer sich – unverantwortlicherweise – hinstellt und die parteiinternen Gegner der eigenen Position wider besseren Wissens als „verantwortungslos“ darstellt und den Parteitagsbeschluss entgegen seinem klaren Wortlaut als „außenpolitische Rolle rückwärts“ bezeichnet oder die Grünen wie Daniel Cohn-Bendit gar als „Kindergarten“ beschimpft, der säht das, was er zu befürchten vorgibt.

Es ist nun Aufgabe aller Grünen, gerade auch des „unterlegenen“ Bundesvorstands und der Fraktionsspitze, das zu betonen, was jedeR von ihnen in ihren Parteitagsreden schon angesprochen hatte: Es ist im Grunde nicht viel, was die Grünen hier trennt. Es ist kein „fundamentaler Riss“ durch die Partei, so sehr das auch von verschiedenen interessierten Gruppen dahergeschrieben werden mag.

  • Man ist sich einig hinsichtlich der Notwendigkeit eines schützenden Militäreinsatzes in Afghanistan im Rahmen des ISAF-Mandats (und genau das unterscheidet die Grünen an dieser Stelle übrigens von der „pazifistischen“ Linken, da mag Oskar Lafontaine brabbeln so viel er will – auch er sollte sich den Beschluss mal tatsächlich angucken)
  • Man ist sich einig hinsichtlich der Notwendigkeit eines umfassenden Strategiewechsels in Afghanistan, der wegführt von einer offensiven Kriegsführung zulasten der Zivilbevölkerung. Dies bedeutet vor allem eine sofortige Einstellung des US-geführten Kampfeinsatzes „Operation Enduring Freedom“

Uneinigkeit besteht allein hinsichtlich zweier Punkte:

  1. Hinsichtlich des Einsatzes von Bundeswehr-Tornados als Aufklärungsflugzeuge – dabei handelt es sich in meinen Augen aber um eine Scheindebatte; gäbe es den von den Grünen geforderten Strategiewechsel, dann wäre auch der Einsatz von Aufklärungsflugzeugen weit weniger strittig – wenn die dann noch gebraucht würden.
  2. Hinsichtlich der Frage, wie man den o.g. Forderungen am wirksamsten Geltung verleiht. Dabei hatten sich gestern eben diejenigen durchgesetzt, die in der Nicht-Zustimmung zum Mandatsverlängerungsantrag der Bundesregierung das geeignete Mittel sehen – gegen diejenigen, die der Auffassung sind, man müsse zustimmen, um eine „grundsätzliche Zustimmung“ zum ISAF-Mandat deutlich zu machen.

Eigentlich nicht so schwer zu begreifen, oder? Und eigentlich auch nicht schwer zu vermitteln. Wenn man es denn vermitteln will. Und nicht bereits an die nächste Debatte denkt, bei der man dann – vielleicht mit mehr Erfolg – darauf verweisen kann, dass solche Beschlüsse „öffentlich ja nicht vermittelbar“ seien.

Im Moment ist deswegen eines gefragt, was Bundesvorstand und Fraktion an anderer Stelle – nämlich wenn sie sich mit ihren Vorstellungen durchsetzen – auch gerne einfordern: Die Gemeinsamkeiten herausstellen. Und innerparteiliche Solidarität beweisen. Und das tut man nicht, indem man einen solchen Beschluss nur grummmelnd hinnimmt. Sondern indem man zu ihm steht. Und vor allem mal betont, was da alles drin steht, was man richtig findet – und nicht, was man eigentlich ja anders sieht.

Oh, und Journalisten, die an der tatsächlichen Lage interessiert sind und nicht nur nach einer Folie für die eigenen Vorurteile suchen, wären natürlich auch hilfreich.

Update (16.9., 16 Uhr): Cohn-Bendit äußert sich nun auch im taz-Interview entsprechend – und führt die self-fulfilling-prophecy weiter

Update 2 (16.9., 16:45): Wie man sieht, kann man aber auch von anderer Seite alles mögliche in diesen Parteitagsbeschluss hineingeheimnissen, was da nicht drin steht – taz-Interview mit Robert Zion, Mit-Initiator des Sonder-Parteitags und Mit-Verfasser des verabeschiedeten Antrags. Auch das hilft nicht gerade weiter.

Update 3 (17.9., 8:31): Henning stimmt meiner Einschätzung hinsichtlich der Reaktion einiger Medien zu. Leider finden sich bei ihm keine Aussagen zur Reaktion mancher unserer eigenen Leute. Ich stimmt ihm im übrigen was mögliche Abweichungen von MdBs bei der Abstimmung angeht zu. Auf Lindas Blog findet sich ein „Augenzeugenbericht“, der auch die Parteitagsstimmung einfängt (die konnte Phoenix leider nicht übertragen…).

Update 4 (17.9., 9:32): Und endlich eine, die sagt, was Sache ist und sich nicht provozieren lässt: Claudia Roth bei Spiegel Online.

Update 5 (17.9., 12:02): Vernichtende, aber sich diesmal wenigstens mit dem Antrag auseinandersetzende – wenn ihn auch m.E. fehlinterpretierende – Analyse des Politikwissenschaftlers Hubert Kleinert auf Spiegel Online.

6 Kommentare zu “Bösartiges Missverstehen”

  1. Filtor

    Zunächst hielt ich Thorstens Reaktion auf die Presse-Kommentare für etwas übertrieben – Mahlzahn ist einer dieser ehemaligen Linken, die sich heute auf eher bösartige Weise für eine möglichst gewaltsame Lösung des angeblichen neuen Hauptwiderspruchs „zivilisierter Westen“ vs. „barbarischer Islam(ofaschismus)“ einsetzen. Schlimm, dass Leute wie der bei Spiegel, Welt etc. immer einflussreicher werden.

    Heute früh hatte ich dann das Vergnügen, in SZ und taz zu schauen: der zuständige SZ-Redakteur hatte den Beschluss offensichtlich wirklich nicht gelesen, interessierte sich dafür aber sehr für plumpestes Pazifisten-Bashing (sogar das uralte Stereotyp des gutmenschigen Vollbartträgers wurde bemüht) und Personelles: war das nun gut für Trittin oder schlecht für Bütikofer usw. Letzteres – mir persönlich eher egal – scheint leider auch die heutige taz für wichtiger als die Sachfrage zu halten. Vielleicht ist man naiv, wenn man noch andere Erwartungen an dieses politische System hat(te)?

    Kurz zur Basisdemokratie: ich finde es gut, wie bei den Grünen diskutiert wird (auch da übrigens die Bewertung der taz heute mau: wie in einem börsennotierten Unternehmen besser kein zerstrittenes Bild abgeben?). Folgerichtig ist, nun gegen gegen Fraktionsmitglieder, die trotzdem mit „Ja“ stimmen, etwas zu unternehmen. Wie sagen dazu die Partei-Statuten?

    Kurz zur Sache: der Beschluss der Grünen erscheint mir so differenziert wie richtig. In der Tat wirkt die Haltung der Linksfraktion weniger komplex. Vielleicht ist man aber, abseits der üblichen Abgrenzungs- und Beschimpfungsversuche des tagespolitischen Geschäfts, gar nicht so weit auseinander: auch die Linke will anscheinend kein einfaches „Raushalten“, und plädiert für eine Ausweitung der zivilen Aufbauhilfe. Und, Versöhnliches zum Schluss, sogar in der SPD gibt es noch Leute mit Verstand und den richtigen Prinzipien – Jürgen Rose (die Linksfraktion verschweigt die Parteizugehörigkeit…)

  2. till we *) . Blog » Blog Archive » Kleine Blogschau: Grünen-Parteitag

    […] Thorsten Deppner (der gerne da gewesen wäre, aber nicht durfte), macht drauf aufmerksam, dass der Parteitagsbeschluss erstmal gelesen werden sollte, bevor er a. in Bausch und Bogen […]

  3. thd

    Was das Verhalten der Bundestagsfraktion angeht: Ich fände es gut – gerade angesichts der Medienreaktion – wenn sich die Fraktion dazu durchringen könnte, sich geschlossen zu enthalten. Das böte die Chance, den oben skizzierten grünen Konsens und die damit verbundene Kritik am jetzigen Vorgehen in Afghanistan rüberzubringen und nicht denen eine Vorlage zu liefern, die so gerne über die „Spaltung“ der Grünen sprechen und dabei die eigentlichen Beschlussinhalte überlesen.

    Aber: Innerhalb der Grünen Fraktion war es bislang gute Tradition, bei der Abstimmung über Kampfeinsätze keinen Fraktionszwang auszuüben – weder in die eine, noch in die andere Richtung. So wurde z.B. das Abstimmungsverhalten von Hans-Christian Ströbele und anderen – auch gegen mehrheitlich beschlossene Unterstützung bestimmter Militäreinsätze – stets respektiert. Das muss auch umgekehrt gelten.

    Klug fände ich das wie gesagt nicht. Aber das ist eine andere Frage.

  4. GruenesFreiburg » Blog Archiv » SuperGAU?

    […] Thorsten weist zurecht darauf hin, dass der verabschiedete Antrag inhaltlich sich deutlich von dem unterscheidet, was in den Medien als Position der Grünen dargestellt wird und auch ich finde die heftige der Reaktion der Medien zu erwarten. Thorsten meint nein: Ich meine nein. Es ist vor allen Dingen eine “self-fulfilling prophecy”, die sich hier abspielt. Wer sich – unverantwortlicherweise – hinstellt und die parteiinternen Gegner der eigenen Position wider besseren Wissens als “verantwortungslos” darstellt und den Parteitagsbeschluss entgegen seinem klaren Wortlaut als “außenpolitische Rolle rückwärts” bezeichnet oder die Grünen wie Daniel Cohn-Bendit gar als “Kindergarten” beschimpft, der säht das, was er zu befürchten vorgibt. […]

  5. ' + title + ' - ' + basename(imgurl) + '(' + w + 'x' + h +')

    […] Thorsten Deppner meint auch, dass es vor einer Kritik an dem Beschluss – der ja nicht verboten ist – man diesen zumindest […]

  6. Grünes Gelsenkirchen » Parteileben » Medienberichterstattung zur Sonder-BDK

    […] Thorsten Deppner meint auch, dass es vor einer Kritik an dem Beschluss – der ja nicht verboten ist – man diesen zumindest […]

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