Kormoranmanagement???

Als Regionales Kormoranmanagement bezeichnet das Regierungspräsidium Freiburg eine gezielte Aktion von Vertretern eben dieser Behörde, die durch Scheinwerfer und Lärm brütende Kormorane aus ihren Nestern im Radolfzeller Aachried aufgescheucht haben und weiterhin daran gehindert haben in ihre Nester zurückzukehren, so dass in dieser Zeit die Kormoraneier erfrieren. Der Südkurier berichtet ausführlich von der Aktion, die vor allem auf Anraten der Fischer, denen der Kormoran als Fischesser ein Todfeind ist, gestartet wurde. Beinahe zynisch ist der Südkurier, was den „Erfolg der Aktion“ angeht.

Am nächsten Morgen werden die staatlichen Naturaufseher noch mal nachschauen, versprechen sie. In die Nester können sie nicht hineinsehen, aber die Tötungsquote dürfte bei rund 70 Prozent liegen, schätzt Stephan Gutzweiler. Weitere nächtliche Vertreibungsaktionen seien nicht ausgeschlossen. Die Tötungsaktion ist für insgesamt zwei Nächte genehmigt.Bevor Gutzweiler in den VW-Bus steigt, muss er seinem Chef per Handy-Nachricht Vollzug melden. Julian Würtenberger hat darum gebeten, persönlich informiert zu werden, wie die Kormoran-Vertreibung gelaufen ist. „Großes Medienaufgebot, viele Naturschützer. Keine Störungen. Auftrag ausgeführt“, dürfte die SMS nach Freiburg gelautet haben.

Ich finde diese Aktion geschmacklos, tierunwürdig und falsch. Der Naturschutzbund und die Deutsche Umwelthilfe haben in einer gemeinsamen Presseerklärung nochmals gegen die ihrer Meinung nach gesetzeswidrige Aktion protestiert. Ob die Aktion an sich gesetzeswidrig ist, kann ich nicht beurteilen, es mutet aber komisch an, wenn der Abgeordnete Jörg Döpper (CDU), Vorsitzender des Petitionsausschusses eine gegen die Aktion eingebrachte Petition im Alleingang zulässt ablehnt und somit eine Debatte im Petitionsausschuss verhindert (siehe dazu diesen Artikel in der BZ und die Presseerklärung des NABU und der DUH)

Auch die Grünen im Landtag, und da natürlich der Radolfzeller Abgeordnete Siegfried Lehmann haben sich gegen die Aktion ausgesprochen.

Doch nicht genug, das Regierungspräsidium will auch die so genannte „Wintervergrämung“, die Freigabe der Kormorane zum Abschuss, verlängern und künftig schon im August beginnen lassen. Scheinbar hat man im Kormoran den Hauptfeind der Bodenseefische ausgemacht und muss diesen nun gezielt töten. Das der Fischrückgang im Bodensee aber vor allem mit heißen Sommern und Überfischung zu tun hat, steht da hinten an, denn heiße Sommer kann man nicht verbieten und Fischer nicht abschießen.

UPDATE: Es wird wohl noch eine zweite „Aktion“ gegen die Kormorane geben, um die wohl ca. 30 % unversehrten Eier auch noch absterben zu lassen. Bleibt zu hoffen, dass es sprungartig wärmer wird, dann haben derartige Aktionen keinen Erfolg mehr.

Auch überregional sorgt die Aktion jetzt für Aufsehen. Zwei gute Artikel findet sich in der Frankfurter Rundschau hier und hier.

Bilder gibt es beim Südkurier

Auf der Seite des baden-württembergischen NABU kann man eine Protestemail an den Regierungspräsidenten schicken, die man allerdings noch leicht abwandeln muss, da sie noch für die Zeit vor der „ersten Aktion“ bestimmt ist

Auch bei hegau-see.suedblog.de wird über das Kormoranmanagement diskutiert

Eintrag beim SWR Umweltblog zum Thema Korporanmanagement

7 Kommentare zu “Kormoranmanagement???”

  1. Per Klabundt

    Hi Johannes,

    schön, dass Du dieses Thema aufgreifst – es ist schlicht skandalös, was das Regierungspräsidium im Namen des Landes dort treibt. Ich habe schon vor zwei Wochen über den NABU protestiert. Als NABU-Vorstandsmitglied in Freiburg war das selbstverständlich. Ich hätte aber natürlich auch als einfacher Bürger gegen dieses ungeheuerliche Vorgehen meine Stimme erhoben.

    Danke für Deinen Beitrag,

    :-) Per

  2. Silke Weber

    Hallo,

    sie kritisieren das der Abgeordnete Jörg Döpper die : „eingebrachte Petition im Alleingang zulässt“

    der NBAU kritisiert das Gegenteil:

    „Der NABU hatte im Vorfeld der Aktion eine Petition an den Landtag gerichtet, um die Aktion zu stoppen. Dass der Vorsitzende des Petitionsausschusses, MdL Jörg Döpper, diese einfach abgelehnt hat und so einer parlamentarischen Diskussion ausweicht, bezeichnet der NABU als skandalös. „Das ist eine Verhöhnung des Petitionsausschusses und zeigt: Hier werden die Regeln des Rechts und der Demokratie missachtet“, sagt Baumann.“

    WAS STIMMT DENN NUN?

    Iübrigens, ire Frage zur Rechtmäßigkeit ist doch nun auch beantwortet:

    Das Verwaltungsgericht Freiburg hat die Klage des Naturschutzbund Deutschland (NABU) gegen eine Entscheidung des Regierungspräsidiums Freiburg zurückgewiesen, das weitere Wachstum der Kormorankolonie im Naturschutzgebiet Radolfzeller Aachried durch Eingriffe einzuschränken.

  3. Silke Weber

    Sorry, für den zerhackten Text ( zu früh auf Senden gekommen) es sollte:

    >Übrigens, Ihre Frage zur Rechtmäßigkeit ist doch nun auch beantwortet:>Schutz der heimischen Fischarten In der oben genannten Studie von Klein & Lieser wird
    der Anteil der Äsche in der Nahrung der Kormorane im Aachried mit 1,6 Prozent angegeben. Das ist weit mehr als ihr seinerzeitiger Anteil in der Fischartengemeinschaft der umgebenden Gewässer ausgemacht hat und lässt darauf schließen, dass der Kormoran der Äsche bevorzugt nachstellt. Dabei dürfte der festgestellte Äschenanteil in der Kormorannahrung eher die untere Grenze darstellen, denn die Untersuchung hat die Laichzeit der Äsche, in der sie besonders leicht zu erbeuten ist, nicht erfasst. In der Laichzeit ist die Äsche aufgrund ihres Verhaltens besonders leicht vom Kormoran zu erbeuten. Beobachtungen an den Laichplätzen im Untersee weisen darauf hin, dass der Kormoran diese Gelegenheit ausgiebig nutzt.<<

    Warum fordert Herr Lehmann „und eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag zu geben, welche Aufschluss über die tatsächlichen Gründe des Rückgangs der Fischbestände sowie die Ernährungsgewohnheiten der Kormorane geben soll.“

    Es gibt doch genügend Untersuchungen die die Masse der Kormorane als den zur Zeit dominierenden Faktor beim Zusammenbrechen der Äschenbestände zeigen.

    So viel für diesmal

    Silke Weber

  4. jw

    @Silke Weber Sie haben natürlich recht, da hatte ich mich schlicht und einfach vertippt, es muss „ablehnt“ heißen, ich habe dies im obigen Artikel korrigiert

    Dass das Verwaltungsgericht Freiburg den Einspruch des Nabu zurückgewiesen hat, halte ich für bedauerlich, es ist damit jedoch nur juristisch geklärt, dass das Land zu einer solchen Aktion greifen darf, nicht ob es politisch, vor allem aber ökologisch Sinn ergibt.

    Zu einer Koexistenz von Esche und Kormoran empfehle ich Ihnen folgenden Artikel des Nabu:
    http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/sonstigetiere/fische/13053.html

  5. Silke Weber

    Hallo Herr Waldschütz,

    sie hatten Recht die Petition wurde zur Beratung im Petitionsausschuss angenommen:

    „Mit Schreiben vom 3. April 2008 hat das Ministerium
    für Ernährung und Ländlichen Raum den Vorsitzenden
    des Petitionsausschusses von der vorgesehenen
    Vergrämungsmaßnahme unterrichtet und dazu gehört,
    ob hiergegen durchgreifende Bedenken bestünden.
    Der Vorsitzende hat dem Petenten N. mit Schreiben
    vom 8. April 2008 mitgeteilt, dass bei der vorliegenden
    Fallgestaltung und unter Berücksichtigung der
    Tatsache, dass eine abschließende Behandlung des
    Falls im Petitionsausschuss erst am 23. April 2008, also
    außerhalb des Zeitfensters für die vorgesehene
    Vergrämungsaktion, möglich sei, das anhängige Verwaltungsverfahren
    nicht bis zur Beschlussfassung des
    Petitionsausschusses über seine vorliegende Eingabe
    aufgeschoben werden könne. Er müsse bei dieser
    Sachlage damit rechnen, dass das Regierungspräsidium
    F. eine entsprechende artenschutzrechtliche Ausnahme
    unter Berücksichtigung dort näher aufgeführter
    Nebenbestimmungen zur Durchführung der Vergrämungsaktion
    vor der Behandlung“

    Silke Weber

  6. Silke Weber

    Hallo nochmal,

    Wichtig für die Entscheidung die Aktion nicht auszusetzen erscheint mir die artenschutzrechtliche Stellungnahme durch des Max-Planck-Institut für Ornithologie (Vogelwarte Radolfzell):

    In der Stellungnahme wird ausgeführt, im Umfeld der Kormorankolonie würden eine ganze Reihe besonders und streng geschützter Vogelarten brüten, darunter Schwarzmilan, Rotmilan, Rohrweihe, Baumfalke und Grauspecht. Weitere Wert gebende Arten, die in unmittelbarer Nähe der Brutkolonie brüteten, seien Kolben-, Schnatter-, Reiher, Tafel- und (nicht alljährlich) Krickenten sowie Wasserralle und Zwergtaucher, und auch Gänsesäger und Knäkenten seien zur Brutzeit im Gebiet potenzielle Brutvögel. Die Auswirkungen des Einsatzes von Halogenstrahlern werden im Einzelnen wie folgt beurteilt:

    • Rot- und Schwarzmilan: Das Gutachten vermutet,
    dass diese Greifvogelarten in unmittelbarer Nähe
    oder in der Brutkolonie nisten würden, Horste seien
    jedoch bislang nicht konkret festgestellt worden.
    • Baumfalke: Auch diese Greifvogelart niste erfahrungsgemäß
    in der Nähe der Brutkolonie, jedoch
    besetze er seine Brutplätze oft erst gegen Ende
    April, also außerhalb des Zeitpunkts der Verwüstungsaktion.
    • Rohrweihe: Der Brutstandort wäre wohl zu weit
    weg, um von der Aktion direkt betroffen zu sein.
    • Grauspecht: Dieser Höhlenbrüter erscheine robust genug,
    um zumindest eine eintägige nächtliche Störak -
    tion ohne Schaden am Brutgeschehen zu überstehen

    • Die anderen auf dem Boden und im Schilf brütende
    Vogelarten wären bei einer Vergrämungsmaß -
    nahme durch die notwendige Gebietsbetretung in
    ihrem Brutgeschehen stark beeinträchtigt. Es sei
    sogar möglich, dass einzelne Nester durch die Begehung
    zerstört werden

    Die größte Gefährdung entstehe also durch das Betreten des Gebietes für die bodenbrütenden Arten – da die Fischer mit Booten gefahren sind wurde dies vermieden.
    Die Demonstranten waren aber zu Fuß unterwegs – haben die jetzt mehr Schaden angerichtet als die Aktion gegen die sie protestierten?

    Grüße Silke

  7. Silke Weber

    Hallo zum Dritten,

    hatte leider Ihre Antwort übersehen, zur „Koexistenz von Esche und Kormoran“ -

    Nun es mag traurig sein wenn die Brutbäume des Kormoran wie Äschen oder uralte Eichen durch den harnsäurehaltigen Kot der Kormorane eingehen. Da es aber noch viele Eschen in den Wäldern gibt ist dies doch wohl zu verschmerzen.

    Dies ist aber kein solches Problem wie bei der Fischart Äsche. Die kommt nur in begrenzten Abschnitten der Flüsse vor und ihr Lebensraum wird durch Wasserkraftnutzung, Trinkwasergewinnung und Hochwaserschutz reduziert. Wenn in den verbleibenden Lebensräumen die Bestände durch die Kormorane dezimiert werden ist dies dramatischer da die Äschen eine geringere Lebensspanne haben als der Baum Esche.

    Tschüss Silke

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