Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif!?

Zumindest meldet das die Netzeitung unter Berufung auf eine neu erschienene Studie:

Der soeben erschienene Forschungsdoppelband «Neue Schriften zur Online-Forschung Bd.2&3» befasst sich mit der Bedeutung des Web 2.0 für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Auf annähernd 1000 Seiten ziehen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen eine Zwischenbilanz und dokumentieren die aktuellen Auswirkungen der technologischen Entwicklung. Einen von mehreren Schwerpunkten dabei bildet die Analyse der deutschen Blogosphäre. Der internationalen Entwicklung hinkt sie hinterher. Die Prognosen der Forscher bleiben zurückhaltend.

Wir geben gerne zu: Wir sind unprofessionell, verdienen damit kein Geld und könnten häufiger bloggen – aber eines sind wir bestimmt nicht: unpolitisch.


Weiter aus dem Artikel :

Bettina Berendt, Martin Schlegel und Robert Koch von der Humboldt Universität untersuchten den Reifegrad der deutschsprachigen Blogosphäre. Die inzwischen an der niederländischen Universität in Leuven tätige Professorin Berendt führt damit einen Terminus Technicus in die Diskussion ein, der durchaus polemisches Potenzial aufweist. Der Reifegrad lässt sich am Ausmaß der Professionalisierung des Bloggens gegenüber der Freizeittätigkeit ablesen.Die Gruppe der Freizeit-Blogger nutzt ihr Weblog als Online-Tagebuch. Semiprofessionelle Blogger investieren zwar einen signifikanten Teil ihrer Zeit in die Pflege des Weblogs, nutzen es jedoch nicht als Haupterwerbsquelle wie die professionellen Blogger. Der Anteil professioneller Blogger ist im Vergleich mit den USA noch sehr gering.

Ziel der Studie war es, «aussagekräftige, aber maschinell verwertbare Indikatoren für den Reifegrad und die thematische Politisierung der lokalen Blogosphäre zu gewinnen». Exemplarisch wurde so eine aktuelle Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Blogosphäre durchgeführt. Dabei wurden nicht nur politische Blogs untersucht, sondern sämtliche Beiträge und Postings eines längeren Zeitraums. Eine themenorientierte Studie zu Blogs gab es zuvor noch nicht. In Beziehung gesetzt wurde die deutsche Blogosphäre einerseits zur US-amerikanischen, die als stark politisiert wahrgenommen wird, und andererseits zu deutschsprachigen Nachrichtenmedien.

Es ist mir auch schon öfter aufgefallen, dass die deutsche Blogosphäre eher unpolitisch ist und vor allem viel stärker von Einzelblogs lebt. Große amerikanische (demokratische) Communities wie Dailykos, MyDD oder Openleft, die beiden letzteren obwohl deutlich kleiner als Dailykos lese ich fast täglich, haben tausende von Usern, die in Diaries ihre eigenen Ansichten kundtun und sich als Teil der großen Community finden. Blogger wie Markos Moulitsas Zuniga (Kos) von Dailykos, Jerome Armstrong vom Mydd oder Chris Bowers von Openleft, treten im Fernsehen oder Radio auf und veröffentlichen Gastkommentare in verschiedenen Zeitungen, wodurch sie auch innerhalb der demokratischen Partei enormen Einfluss gewonnen haben. Es waren ganz entscheidend die linken amerikanischen Blogger, die dem Vizepräsidentschaftskandidaten von Al Gore, Joe Lieberman, einem Senator aus Connecticut, eine Niederlage in der demokratischen Vorwahl für die Senatswahlen beifügten, so dass er dann als Unabhängiger antreten musste.

Ein solcher Einfluss von Blogs ist in Deutschland undenkbar – zumindest im Moment noch, wobei ich auch keine Tendenzen sehe, dass es sich anders entwickeln würde.

Und auch Blogs als Konkurrenz zu Zeitungen und Fernsehen sehe ich noch nicht. Zwar gibt es einige medienkritische Blogs, die sich mit Meldungen der Medien beschäftigen, am bekanntesten ist wohl Bildblog, diese sind aber m.E. nicht zu vergleichen mit amerikanischen Blogs, die einerseits wie die Huffington Post, über die auch vor kurzem bei Spiegel Online berichtet wurde, versuchen ein wirkliches Alternativmedium zu Nachrichten aus Zeitung und Fernsehen darzustellen oder andererseits über Dinge berichten, welche die „traditionellen Medien“ übersehen haben, wie zum Beispiel den „rassisstischen Ausfall“ des ehemaligen Senators von Virginia, George Allen, der einen indischstämmigen Zuschauer einer Wahlkampfveranstaltung „Macaca“ nannte und darüber wohl auch sein Mandat verlor. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 veröffentlichte ein Blog noch vor Schließung der Wahllokale sogar die ersten Hochrechnungen.

Nun ist diese Entwicklung in den USA auch nicht vom Himmel gefallen und wir können uns hier wohl dran gewöhnen, dass alles etwas länger dauert, wobei ich zugeben muss, dass ich es nicht unbedingt für nötig erachte, dass wir einen Haufen professioneller Blogger in Deutschland haben.

4 Kommentare zu “Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif!?”

  1. Till Westermayer

    Ein erster Schritt Richtung professionelles Politikplokken wäre das Abschaffen dreifacher Satzzeichen ;-). Die letzten drei Beiträge enden jedenfalls alle mit “???“ oder – dieser hier – “?!?“, sieht ein bißchen – unprofessionell? – aus, finde ich.

    Aber zu ernsthafteren Themen: ich finde ganz gut, was Markus zu dem Netzeitungsartikel geschrieben hat. Und irgendwo in den Kommentaren bei ihm wird auch deutlich, dass die Netzeitung als „klassische Zeitung im Netz“ natürlich ein erhöhtes Distinktionsbedürfnis gegenüber politischen Blogs hat als andere Medien.

  2. jw

    Danke für den Hinweis Till, ich gebe zu, dass ich ein Faible für Fragezeichen und Ausrufezeichen habe, aber eines tut es vielleicht auch. aber ich hatte besonders in diesem Fall tatsächlich etwas bezweckt. Für mich sind die deutschen Blogger tatsächlich unpolitisch (deshalb !), aber nicht wirklich unreif (deshalb ?) Aber vielleicht ist es tatsächlich besser das ganze auszuformulieren.

    Inhaltlich hast du, bzw Markus, sicher Recht. Ich gebe auch gerne zu, dass meine Kenntnisse der dt. Blogosphäre nicht sonderlich tief gehen und das Argument der begrenzten Leserschaft, aber auch der begrenzten Autorenschaft, ist sicherlich bedenkenswert

  3. jw

    @ Till, eine Frage zur Professionalisierung noch: Kannst du mir sagen, wie ich bei WordPress einen Halbgeviertstrich hinbekomme, so dass ich beim Gedankenstrich nicht immer den Viertelgeviertstrich benutzen muss? (Alt 0150 funktioniert auf meinem Laptop irgendwie leider nicht)

  4. Till Westermayer

    Bei mir macht das das Plugin Intypo automatisch (entweder aus “ – “ oder aus “ – “), das scheint mir das einfachste zu sein. Oder — (& mdash ;) bzw. – (& ndash ;).

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