Freiburg ist „Green City“ – Tübingen „macht blau“

Während erster Slogan schon eine Weile durch die Presse geistert und bisher wenig Begeisterung hervorgerufen hat, ist der zweite neu: Tübingens grüner Oberbürgermeister, Boris Palmer, hat ihn gestern der Öffentlichkeit vorgestellt, wie die Badische Zeitung heute berichtet.

Auch wenn der Spruch erstmal andere Assoziationen hervorruft – Faulenzen aber auch vermehrter Alkoholgenuss – fallen einem spontan ein, finde ich den Spruch und die Idee dahinter besser als das Freiburger „Green City“. Warum aber der Spruch „Tübingen macht blau“. Die BZ erklärt:

Blau steht für den Klimaschutz, der „zum Anliegen einer Bürgerbewegung“ werden soll. Wichtig ist dem Rathauschef dabei die Vorbildfunktion der Stadt. Und so wurden die Investitionen für die Wärmesanierung städtischer Gebäude in diesem Jahr auf fünf Millionen Euro verdoppelt. „Alles Maßnahmen, die sich für die Stadt rechnen“ , erklärt der Oberbürgermeister. Zum Start der Kampagne werden außerdem 1000 Energiesparlampen an die Bürger der Stadt verschenkt. Ein Teil des Projektes ist der Klimapass für Neuwagen. Ähnlich wie man es von Kühlschränken kennt, werden in Tübinger Autohäusern künftig die Fahrzeuge mit farbigen Etiketten ausgezeichnet, von dunkelblau bis tiefrot. Einige Autohändler haben bereits ihre Kooperation zugesagt.

Schon vom Ansatz her sind die beiden Sprüche natürlich verschieden. Während „Green City“ als Marketingspruch für die Klimaschutzreisenden aus aller Welt gedacht ist, soll „Tübingen macht blau“ wohl erst einmal in die Stadt wirken. Aus drei Gründen gefällt mir der Tübinger Slogan – vor allem aber der Ansatz dahinter, besser als der Freiburger

  1. Während Freiburg „Green City“ ist, will Tübingen etwas werden. Der Tübinger Slogan verinnerlicht eine ganz andere Dynamik als der Freiburger. Hier sieht man den Anspruch besser zu werden und ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus – was ich nicht sagen will, dass man es in Freiburg tut, auch wenn es manchmal so scheint.
  2. Der Tübinger Slogan ist integrativ. Das dahinterliegende Konzept betont zwar die Vorreiter- und Vorbildrolle der Stadt, fordert aber alle auf mitzumachen.
  3. Meines Erachtens grenzt es an Hybris, wenn eine Stadt mit einem grünen OB und einer starken grünen GR-Fraktion sich Green City nennt, wie ich auch in meinem Blogpost zum Aprilscherz der BZ schon geschrieben habe. Von vielen meiner Bekannten bekomme ich eine ähnliche Rückmeldung. Dann doch lieber Eco-City, oder Ecological City, wie ein südkoreanischer Film über Freiburg heißen soll (den Link dazu finde ich leider derzeit nicht).

Nun ist ein Slogan nicht alles – und Tübingen, muss ersteinmal auch nur ansatzweise dem postulierten, und beinahe unglaubwürdigen Ziel, einer CO von 70 % bis 2020 erreichen –, sicher jedoch ist, dass Freiburg wachsam sein muss und der bloße Verweis auf bisher Geleistetes nicht ausreicht. Auch andere Kommunen wollen Musterökostadt werden – nicht nur Tübingen.

8 Kommentare zu “Freiburg ist „Green City“ – Tübingen „macht blau“”

  1. Till Westermayer

    „Green City“ finde ich als internationalen Claim für Freiburg immer noch sehr brauchbar, nur muss die Stadt sich tatsächlich anstrengen, weiterhin „green“ (im ökologische Sinne) zu bleiben.

    Das „macht blau“ finde ich wegen seiner Zweideutigkeit (siehe deine spontane Assoziationen) nicht so geeignet, das Handlungskonzept klingt tatsächlich gut. Wahrscheinlich sollte es eigentlich an den „Blauen Himmel über der Ruhr“ (SPD, 1960er Jahre) erinnern.

  2. jw

    mir gefällt tatsächlich wohl weniger der Slogan, als die Absicht dahinter, wobei ich es mutig finde, zu versuchen so einen Slogan komplett umdeuten zu wollen. Wie die BZ berichtet, wurde das ganze aber auch gut eingeführt:

    „In den vergangenen Wochen konnte man in Tübingen bereits rätseln, was die Plakate mit dem Bild einer jungen Frau auf einer grünen Wiese vor dem Hölderlinturm und dem Slogan „Tübingen macht blau“ wohl zu bedeuten haben.“

    Was das „grün bleiben“ angeht, gebe ich dir völlig recht.

  3. jk

    Lustig, dass Tübingen, die Farbe von „Bündnis 90″ verwendet und FR die von „Die Grünen.“ Ein Zeichen für das Zusammenwachsen von Ost und West. Damit fühle ich mich als Ossi schon fast integriert.

    Amüsiert hat mich auch, dass Tübingen 1000 Energiesparlampen verteilt. Das selbe hat die argentinische Präsidentin Christina Kirchner mit 1 Mio Lampen in ihrem „großen“ Plan zur Bekämpfung der Energiekrise angekündigt. Für mich war das immer das klassische Bsp. für die politische Ideenlosigkeit verbunden mit traditionellem Klientelismus der hiesigen Regierung.

  4. thd

    Tja, da scheint uns Freiburger der ja gerade in grünen Kreisen so beliebte Wettbewerb tatsächlich im positivsten Sinne einzuholen: Das Abo auf die „Öko-Hauptstadt“ scheint verloren, ab jetzt müssen wir darum wieder kämpfen – die Herausforderung aus der schwäbischen „Universitätsstadt“ hätte deutlicher kaum ausfallen können.

    Immerhin: Die Ziele sind hoch gesteckt – mit 70 % Einsparungen bis 2020 von den Prozentzahlen her auch höher als Freiburg („nur“ 40% Einsparungen und das bis 2030). Interessanter wäre hier allerdings wohl der Vergleich der Pro-Kopf-Emissionen: Unterstellt Freiburg hätte in der Vergangenheit schon einige Klimaschutzpotentiale genutzt, die in Tübingen vielleicht noch „brachliegen“ verzerrte der Vergleich von Prozentzahlen sonst die Klimaschutzbilanz.

    Was wir Freiburger uns bei Boris aber auf jeden Fall abgucken können ist das m.E. deutlich geschicktere stadtinterne Vermitteln der eigenen Klimaschutzstrategie – jedenfalls von außen sieht das nach einer gelungenen Identifikationsstrategie aus. Wobei: Mag sein, dass das in Tübingen nötiger ist als beim Freiburger „Öko-Bürgertum“…

  5. Tübingen macht blau - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org

    […] sieht man die Aktion zum blauen Tübingen im grünen Freiburg, wo darauf hingewiesen wird, die Green City  FR nehme für ihren Ansatz die Farbe der Grünen, die […]

  6. till we *) . Blog » Stadtwerke Tübingen bauen Kohlekraftwerk in Schleswig-Holstein

    […] hat zwar erst vor kurzem eine hochwertige Klimaschutz-Kampagne »Tübingen macht blau« (siehe auch hier) gestartet. Aber jetzt ist er doch aus etwas seltsamen Gründen in die Schlagzeilen geraten, […]

  7. GruenesFreiburg » Blog Archiv » „Blau“ mit Kohlekraft aus Brunsbüttel?

    […] Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ noch vor wenigen Wochen geschafft, uns hier um den Ökohauptstadt-Status von Freiburg zittern zu lassen, will er dies nun einer […]

  8. GruenesFreiburg » Blog Archiv » Was Andere über Freiburg denken

    […] Capital“ weggeschnappt (siehe auch hier bei Till) hatte,  erklären musste, wie sich die „Green City Freiburg“ vermarktet, zumal ich bezüglich dieses Slogans ja durchaus skeptisch […]

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