Antifa enttarnt Stadtkurier-Redakteur als Nazi
Ich habe hier schon einmal berichtet, als die Autonome Antifa Freiburg enttarnt hatte, dass Stadtrat Heinrich Schwär rechtsextreme Veranstaltungen besucht hat.
Nun hat die Antifa erneut einen Coup gelandet. Nachdem die Antifa bereits im Frühjahr den Server des Schweizer Naziversands „blutschutz.ch“ gehackt hat, hat sie nun herausgefunden, dass Strittmatter, der für seine stramm rechtskonservativ Kolumnen im Stadtkurier bekannt ist, bei „blutschutz.ch“ einen Pullover mt dem „Motiv-Nr. NS006, Reichsadler mit Hakenkreuz“ bestellt hat. Für den Pullover bedankt er sich mit einem selbstgedrehten Video. Die Antifa weiter:
In dem Video trägt er seinen neu erworbenen Hakenkreuzpullover und spielt auf einer Orgel das Weihnachtslied „Es ist für uns eine Zeit angekommen“. Strittmatter ist einer von vier festangestellten Redakteuren beim „Freiburger Stadtkurier“ und schrieb bereits für das „Offenburger Tageblatt“, die „Mittelbadische Presse“, den „Schwarzwälder Boten“ und die „Junge Freiheit“.
Der Stadtkurier hat Strittmatter nach Bekanntwerden der Vorwürfe entlassen. Mir war Strittmatter schon häufiger wegen seiner rechtsnationalen Kommentare aufgefallen, in denen er sich unter anderem häufig für „Recht und Ordnung“ aussprach und sich sehr positiv über Burschenschaften, etc. äußerte. Auf mindestens zwei seiner Kommentare habe ich auch schon Leserbriefe geschrieben. Was ich nicht wusste, ist, dass Strittmatter schon seit längerem auch für die rechtskonservative „Junge Freiheit“ schreibt. Dass das für den Stadtkurier OK war, zeigt vielleicht, welche Grundrichtung der Stadtkurier vertritt.
Am 16. Dezember 2008 um 14:32 Uhr
Herr Strittmatter hat sich dazu inzwischen geäussert. Sehr beeindruckend, wie er versucht sich da herauszuwinden. Und das tragen von Nazisymbolen gehört natürlich nur zur Recherche. Ich spare mir weiteren Kommentar, lest selbst:
An die Vertreter von Gesellschaft, Politik und Medien
in Freiburg und der Region
Stellungnahme zu den seitens der Autonomen Antifa Freiburg
gegen mich gerichteten Vorwürfen unter dem Titel „Naziredakteur beim Freiburger Stadtkurier“ – Communiqué der Autonomen Antifa Freiburg vom 11. Dezember 2008, nachzulesen im Internet unter http://www.autonome-antifa.org.
Die Autonome Antifa Freiburg unterstellt mir als Journalisten, Mitarbeiter des Freiburger Stadtkuriers und einiger Tageszeitungen in Baden-Württemberg und der Wochenzeitung Junge Freiheit „(neo-) nationalsozialistisches Gedankengut“.
Als vermeintlich schlagender Beweis wird auf ein Video verwiesen, welches einen Orgelspieler in einem Hakenkreuzpulli beim Abspielen eines Liedes zeigt. Dies wird verknüpft mit einer eingehenden Recherche meiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, dem Leitmedium des deutschen Konservatismus.
Ich könnte mir die Sache einfach machen und das Video dementieren. Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben: In der Tat bin ich es, der auf diesem Video zu sehen ist.
Was ich aber auf das schärfste dementieren muss: die unterstellte (neo-) nationalsozialistische Gesinnung. Bei dem inkriminierten Video handelt es sich um einen Bestandteil einer intensiven journalistischen Recherche im rechtsradikalen Milieu, die ich – je nach Intensität der gesuchten Kontakte – teils unter Klarnamen, teils unter Pseudonym geführt habe. Dass ich in der Anfangsphase der Recherche teilweise leichtfertig vorgegangen bin, streite ich in diesem Kontext nicht ab.
Im Rahmen dieser Recherche war mir an möglichst authentischen Originaltönen und Milieueinsichten gelegen, was meines Ermessens nicht hinreichend über die gängige Literatur zum Thema Rechtsextremismus abgedeckt wird.
Mein Interesse bestand zum Beispiel an einem direkten Einblick in die Genese und die Widersprüchlichkeit rechtsradikalen Gedankenguts unter Berücksichtigung des Umfelds und der Lebensgewohnheiten des Trägers in heutiger Zeit.
Dass man sich dafür einen deutlich „braunen“ Habitus zulegt, der bei der Zielgruppe vertrauensbildend wirkt, ist im journalistischen Milieu zwar selten, aber nicht singulär.
Über den von der Autonomen Antifa offen gelegten Kontakt zum rechtsradikalen Schweizer Internetversand „Blutschutz“ hinaus könnte, daraus mache ich in diesem Kontext keinerlei Hehl, mein Name sogar bei weiteren „Hacks“ rechtsradikaler Seiten auftauchen.
Ziel dieser Recherche war die Erstellung eines Essays, welches das problematische Verhältnis zwischen Neufaschismus und heutigem deutschem Konservatismus aus einer spezifisch konservativen Sicht in den Blick nimmt. Im Gegensatz zur Sichtweise der Antifa handelt es sich hierbei nämlich um zwei Weltsichten, die sich zwar in bestimmten Punkten berühren können, in wesentlichen Postulaten aber unvereinbar sind.
Dennoch hat sich – dieser Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen – der Konservatismus bereits einmal auf den Faschismus eingelassen: 1933 mit den bekannten verheerenden Folgen.
Es liegt somit im eigenen Interesse eines deutschen Konservativen, sich die bis heute fortwährende gefährliche Verlockung einer Sympathisierung mit neufaschistischen Bewegungen klar vor Augen zu führen und deutlich aufzuzeigen, dass beide Weltsichten nicht miteinander vereinbar sind. Diesem Ziel sollte besagter Essay dienen, diesem Ziel dient die Recherche im rechtsradikalen Milieu.
Vorgängig wurde dieses Projekt auch mit einem Redakteur der Wochenzeitung Junge Freiheit besprochen, ohne sich jedoch dabei auf eine zeitliche Zielvorgabe konkret zu verständigen oder die Methodik der Recherche zu diskutieren.
Grundsätzlich lässt sich grundsätzlich natürlich die Frage stellen, warum man nur so genannt „linken“ Journalisten die Recherchearbeit im rechtsradikalen Sumpf überlassen sollte …
Wenn man für eine ebenso streitbare wie umstrittene Wochenzeitung wie für die Junge Freiheit schreibt, macht man sich nicht überall Freunde, dessen bin ich mir bewusst.
Es gehört aber zu meiner Überzeugung, dass in einer reichhaltigen Medienlandschaft auch eine konservativ orientierte Stimme ihren Platz, ja ihre Notwendigkeit hat. Immerhin gehört es zu den wohltuenden Eigenschaften einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung, dass man unterschiedlicher Meinung sein und divergierende Meinungen artikulieren darf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger nehme ich für mich in Anspruch. Im Rahmen dieser Meinungsfreiheit bewegen sich auch meine Artikel in der Jungen Freiheit.
Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes war die Erwähnung der Jungen Freiheit im NRW-Verfassungsschutzbericht nicht rechtens. Ein Vertreter der Jungen Freiheit ist zudem Mitglied der Bundespressekonferenz.
Von einer Nazi-Zeitung oder, wie die Autonome Antifa schreibt, einer „Zeitung für den anspruchsvollen Faschisten“ kann keine Rede sein.
Ich gehe fest davon aus, dass sich die Antifa von dieser Stellungnahme nicht überzeugen lässt. Wer hingegen diesen Gedanken wohlmeinend gefolgt ist, aber dennoch den Verdacht hegt, ich könnte mit neo-nationalsozialistischem Gedankengut sympathisieren, den möchte ich auf einige meiner weiteren Aktivitäten verweisen:
Dazu zähle ich mein – teilweise auch ehrenamtliches – Engagement im kirchlichen Bereich, den ich als Teil meines christlichen Glaubenszeugnisses sehe.
Dazu zähle ich den Umstand, dass ich bei meiner Tätigkeit für den Freiburger Stadtkurier gerne auch Projekte publizistisch begleitet habe, die der Integration von jugendlichen Migranten dienten (Filmprojekt Hebelschule, Verein Element3 etc.).
Dazu zähle ich ein von mir vor zwei Jahren angestoßenes Interview mit dem Freiburger Rabbiner Soussan zum Chanukka-Fest.
Dazu zähle ich meinen „schreibenden“ Einsatz für unzählige Gruppen der etablierten und freien Kulturszene in jener Zeit, als ich für die Kulturberichterstattung des Stadtkuriers verantwortlich zeichnete.
Dazu zähle ich auch meinen – vor nicht allzu langer Zeit in der damaligen Stadtkurier-Rubrik „Bächle und Bobbele“ veröffentlichten – wohlwollenden Kommentar, in dem ich den beiden Vertretern der jungen Grünen Alternative meine Hochachtung ausgesprochen habe für deren Mut, gegen den Strom zu schwimmen und den sichereren Hafen der Grünen-Fraktion zu verlassen.
Ferner pflege ich gerne (hin und wieder streitbare, aber dennoch freundschaftliche) Kontakte, auch ins politisch linke Lager.
Die im Schatten der Anonymität agierende Freiburger Autonome Antifa wird mit Genugtuung feststellen dürfen, dass ich schon allein aufgrund des von ihr erzeugten Rummels meinen Stuhl beim Freiburger Stadtkurier und damit meine Existenzgrundlage verliere.
Dass dem Verlag durch diese Angelegenheit kein Schaden erwachse, hoffe ich.
Für Rückfragen stehe ich unter Tel. 0178 – 75 377 05 gerne zur Verfügung.
Freiburg, den 11. Dezember 2008
Andreas Strittmatter
Am 16. Dezember 2008 um 16:03 Uhr
Ich finde die Reaktion Strittmatters sehr spannend. Ohne ihn näher zu kennen (das in Stadtkurier-Artikeln teilweise ein komischer Tonfall herrschte, ist mir allerdings auch schon aufgefallen) kann ich mir sogar vorstellen, dass seine Darstellung letztlich stimmt – was die Sache aber nicht besser machen würde.
Die „Junge Freiheit“ versucht ja bekanntermaßen gerne, sich als am rechten Rand des demokratischen Spektrums positioniert darzustellen und geht gerne gegen alle vor, die behaupten, dass sie sich außerhalb dieses Spektrums befindet. Warum also sollte ein Redakteur der „Jungen Freiheit“ nicht versuchen, durch „hautnahe“ Recherchemethoden die Grundlagen für ein Essay zu finden, in dem der „gute“ bürgerlich-rechtsextreme Rechtskonservativismus vom „bösen“ neofaschistischen Rechtskonservativismus abgegrenzt wird. Strategisch macht das für das „Junge-Freiheit“-Spektrum Sinn, er scheint sich dabei aber blöd angestellt zu haben (oder nicht damit gerechnet zu haben, dass die Antifa auch mal Versandlisten hackt).
Letztlich ist es allerdings auch egal, ob diese Abgrenzungsbemühungen innerhalb des rechtsextremen Spektrums ernst gemeint sind, oder nur Teil einer Strategie sind, als demokratietauglich zu erscheinen. Schon allein die Tatsache, dass jemand regelmäßig für die „Junge Freiheit“ arbeitet (egal, ob mit oder ohne Hakenkreuz), sollte für eine nicht ganz dumme Zeitung Grund genug sein, mit so einem oder so einer nicht zusammenzuarbeiten.
Andersherum lässt die Reaktion Strittmatters einen natürlich aufhorchen: wie viele stramm Rechtskonservative tummeln sich noch so in Ehrenämtern, Zeitungsredaktionen und Kulturvereinen?