Umland „rettet“ grünes Zweitstimmen-Ergebnis in Freiburg [Update 2]

Ist das grüne Zweitstimmenergebnis in Freiburg mit 22,8 % im Wahlkreis und 25,3 % in den städtischen Wahlbezirken zwar nach wie vor sehr gut, so hat überraschenderweise (?) allein das merkliche Plus von 1,9 Prozentpunkten in den Umlandgemeinden dazu geführt, dass die Grünen in Freiburg im Vergleich zu 2005 keinen Verlust hinnehmen mussten – in den städtischen Wahlbezirken beträgt dieser nämlich 0,9 Prozentpunkte. Vergleicht man die prozentualen Ergebnisse von 2005 und 2009 miteinander ergibt sich für das Stadtgebiet damit ein Verlust von 3,44 %; der Blick auf die absoluten Zahlen ergibt (wegen der geringeren Wahlbeteiligung 2009) sogar einen Verlust von 7,09 % im Stadtgebiet.

Zwar sind die Grünen inzwischen „stärkste Kraft“ im Stadtgebiet – dies ist allerdings allein dem katastrophalen Absturz der SPD und den Verlusten der CDU zu verdanken – nicht aber einem besonders starken grünen Ergebnis. Auch das Wahlziel, wieder zum „besten Zweitstimmenwahlkreis bundesweit“ zu werden, konnte (deutlich) nicht erreicht werden: Die ParteifreundInnen im Berliner Wahlkreis Friedrichshain/Kreuzber/Prenzlauer Berg Ost haben uns Freiburger mit einem sagenhaften Plus von 5,5 Prozentpunkten (insgesamt damit: 27,4 %) veritabel stehenlassen.

Hinsichtlich des Stadtgebiets gilt das gleiche für die „schwäbische Konkurrentin“ Tübingen – mit einem Plus von 1,1 Prozentpunkten kommen die Grünen in Tübingen Stadt auf insgesamt 27,9 % der Zweitstimmen.

Zweitstimmenvergleich Grüne Freiburg BTW 2005/2009

Was allerdings bleibt: Ein mehr als respektables Erststimmenergebnis für die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae, die ihr Erststimmen-Ergebnis von 11 % 2005 auf jetzt 21,8 % fast verdoppeln konnte. Damit sind beste Voraussetzungen geschaffen, mit einer ernsthaften Erststimmenkampagne in Zukunft auch in Freiburg ein grünes Direktmandat zu erkämpfen – und den BerlinerInnen um Christian Ströbele an der Stelle das „Alleinstellungsmerkmal“ zu klauen.

Insgesamt versprechen die Freiburger Ergebnisse jedenfalls eines: Eine interessante Wahlanalyse auf der kommenden Mitgliederversammlung am übermorgigen Mittwoch.

[Update 28.9.2009, 17:10] Verspätet, aber dennoch: Dank an Till für den inspirierenden Hinweis.

[Update 2 30.9.2009, 16:57] Tim macht sich in seinem Blog teilweise ähnliche Gedanken.

10 Kommentare zu “Umland „rettet“ grünes Zweitstimmen-Ergebnis in Freiburg [Update 2]”

  1. DH

    …und in Berlin sind Euch auch Mitte (22,1%), Charlottenburg-Wilmersdorf (22,0%) und Tempelhof-Schöneberg (21,6% – außerdem 26,3% für Renate) dicht auf den Fersen :-)
    Schöne Grüße von hier!

  2. Hermann J. Schmeh

    Brutalstmögliche infografik. Der Autor sollte sich als Nachfolger von Jörg Schönenborn bewerben: Nach seiner unbestreitbaren sprachlichen Kompetenz hat er hiermit auch seinen souveränen Umgang mit Balkengrafiken bewiesen…

  3. thd

    @Hermann: :-P

  4. Ulrich Martin Drescher

    Wir Grüne sind eine Milieu-Partei. Unser Milieu ist jetzt auch stärker auf dem Lande angekommen (ich wohne in Kirchzarten), in den Städten aber gibt es schon neue Konkurrenz (Linke / Piraten). Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht totsiegen – weil: Milieus sind flüchtig. Wesentlich für die nächsten Jahre wird die Beweglichkeit der Grünen zu allen anderen Parteien sein, also zu den Linken und zur FDP. Daran werden uns unsere Wähler messen, die eine andere Zusammensetzung haben als unsere Parteimitglieder (auch in Freiburg….).

    Meine persönliche Prognose: Gesellschaftlich kommt eher was in`s Wanken und danach in die Veränderung, wenn Grüne und FDP mal zusammengespannt werden – ansonsten bleibt`s bei Lagerbildung und Mehltau.

    Sonnige Grüsse, Uli

  5. Till

    @UMD: überraschenderweise kann ich hier voll und ganz zustimmen.

  6. thd

    @UMD, Till: Na ja, bemerkenswert finde ich aber schon, dass Freiburg die einzige grüne Hochburg zu sein scheint, in der die Ergebnisse (klar, auf „hohem Niveau“ – aber das Niveau haben z.B: Berlin und Tübingen-Stadt noch klar überschritten) stagniert haben (so kann man einen Zugewinn von 0,1 Prozentpunkten wohl nennen) bzw. im Stadtgebiet sogar zurückgegangen sind. Die Konkurrenz Linkspartei/Piraten gab’s in den anderen Städten ja durchaus auch.

    Bemerkenswert vielleicht auch, dass wir bei den Europawahlen in Freiburg bereits einen ähnlichen Effekt zu verzeichnen hatte – wer allerdings wagte, das auf der folgenden Mitgliederversammlung anzusprechen wurde…nun, ich sage mal: Nicht überfreundlich behandelt.

  7. Tim

    @thd
    bei der Kommunalwahl auch – auch wenn man da vielleicht versucht sein mag, das auf das auftreten der gaf und den bürgerentscheid zurückzuführen.
    interessant finde ich, dass die grünen zwar in der stadt verloren haben, aber in den tuniberggemeinden teilweise sogar dazugewinnen konnten.

  8. jw

    @thd eine schlüssige erklärung habe ich dafür auch noch nicht, da müsste man sich die Zahlen vielleicht mal auf Stadtteilebene genauer anschauen.

    Ich habe zwei Vermutungen:

    1. Das was ich in Bezug auf Freiburg schon lange sage, es scheint, dass unsere Hochburgen abschmelzen, uns in anderen Freiburger Vierteln aber stabil halten, bzw. leicht zulegen (Tuniberg)

    2. Die grüne Regierungspolitik in Freiburg hat einen gewissen Prozentsatz unserer ehemaligen Wähler in Freiburg verärgert, die nun bei allen Wahlen nicht mehr grün wählen, so dass wir insgesamt auf ca. 2-4 Prozent niedrigerem Niveau liegen als vor sagen wir 5 Jahren.

    Ich denke beide Vermutungen schließen sich nicht aus. Die Frage wird sein – die man wirklich einmal langfristig und ergebnisoffen parteiintern diskutieren müsste – in wiefern man einige dieser Wähler zurückgewinnen kann oder soll, oder ob man in Freiburg neue Wählerschichten ansprechen muss. So wie wir im Moment vorgehen haben wir sicherlich einen gewissen Zenit erreicht, wahrscheinlich – siehe Wahlergebnisse – sogar überschritten.

    Eine solche Diskussion kann ergebnisoffen wahrscheinlich nur nach der OB-Wahl geführt werden, die nun ja wohl sicher im April 2010 stattfinden wird.

  9. filtor

    …und für die die CDU ja aufschlussreicherweise auf eine eigene kandidatur verzichtet: einen besseren OB als salomon bekommt sie nämlich nicht.

  10. Tim

    @jw
    naja: 1. ist ja eine bloße beschreibung dessen, was da gerade stattfindet.
    2. könnte auch erklären, warum in den ländlicheren teilen von freiburg im gegensatz zur stadt nicht gegen den trend gewählt wird. dort sind themen wie stadtbauverkauf, green business center, nachverdichtung usw. weiter weg als in der kernstadt (sieht man auch daran, dass die tuniberggemeinden beim bürgerentscheid seinerzeit mit die niedrigsten wahlbeteiligungen und höchsten nein-anteile hatten).

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