„Zimmer frei“ im Freiburger Rathaus

Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten an der Uni

Auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung (lpb), des Colloquium Politicum der Uni Freiburg sowie der Grünen- und der Juso-Hochschulgruppe waren die drei Oberbürgermeisterkandidaten Ulrich von Kirchbach (SPD), Günter Rausch (WiR) und Dieter Salomon (B90/Die Grünen) zum “WG-Casting” frei nach der WDR-Sendung “Zimmer frei” in der Aula der Freiburger Universität zu Gast. Es sollte ein zugleich spannender und in mancherlei Hinsicht aufschlussreicher Abend werden.

Aufgrund des großen Ansturms an Interessierten begrüßte Michael Arndt vom Colloquium Politicum, einer der beiden Moderatoren des Abends, das hauptsächlich studentische Publikum nach hastiger Nachbestuhlung erst mit ca. 30 minütiger Verspätung. Arndt begann mit einer Einführung in das in diesem OB-Wahlkampf sicherlich einmalig kreative Programm des Abends: Jeweils als „Einschub“ zwischen den drei thematischen Blöcken der „klassischen“ Podiumsdiskussion sollte sich jeweils ein OB-Kandidat einem „WG-Casting“ in der Wohngemeinschaft von Eva, Sarah und Armin stellen, ihres Zeichens studentische Mitarbeiter_innen der lpb. Mit Ausnahme der Castings sollten die OB-Kandidaten außerdem nur über ein Gesamt-Zeitbudget von 25 Minuten verfügen; der jeweilige Zwischenstand wurde nach den einzelnen Themenblöcken jeweils eingeblendet. Und eine letzte „Neuerung“ gegenüber gewöhnlichen Podiumsdiskussionen hatten sich die Organisatoren einfallen lassen: Für die Publikumsfragerunde am Ende der Veranstaltung konnten Fragen nur schriftlich und an einen der Kandidaten adressiert abgegeben werden. Die Kandidaten sollten aus „ihrem Fragekasten“ eine Frage ziehen. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Konzept ging jedenfalls insoweit auf, als Ko-Referate, Polemiken und überlange Fragen erfolgreich unterbunden wurden. Gleichzeitig nahm dieses Vorgehen der Publikumsrunde aber einen guten Teil ihrer Lebendigkeit und ihres Kritikpotentials. Die Budgetierung der Zeit war hingegen ein voller Erfolg: Keiner der Kandidaten überschritt sein Konto.

Die zunächst vom zweiten Moderator des abends, Michael Wehner von der lpb anmoderierten Podiumsdiskussionsrunden zu den Themenbereichen „Bildung, Kultur, Umwelt“, „Wohnen“ und „Freiburg 2018″ verliefen weitestgehend wie (von mir) erwartet. Dieter Salomon „glänzte“ durch Hyper-Pragmatismus und die Abstinenz jeglicher Visionen, kannte sich aber mit Abstand am besten aus und hatte für die Ziele, die er formulierte, handfeste Maßnahmen zu deren Erreichung zu bieten. An Selbstbewusstsein und teilweise auch an Herablassung war er wie üblich kaum zu überbieten; zugegebenermaßen witziger und auf Seiten von Günter Rausch mehr als verdienter Höhepunkt der Dieterschen Angriffslust („Das ist jetzt besserwisserisch, das sollte ich mir eigentlich verkneifen“) war dabei der Hinweis darauf, dass Rausch im Bezug auf das Humboldtsche Bildungsideal die beiden Brüder Wilhelm und Alexander durcheinandergebracht hatte („Alexander war der andere, der nach Lateinamerika gefahren ist“).

Ulrich von Kirchbach scheiterte an dem Versuch, in eine dieser „Flanken“ einzubrechen und seinerseits Visionen glaubhaft zu vermitteln – ich wurde einfach das Gefühl nicht los, dass er zu vieles von dem, was er hier formulierte, in den vergangenen Jahren als Bürgermeister auch schon einmal hätte anstoßen können. Gefragt habe ich mich auch, ob er für manche seiner Forderungen überhaupt auch nur seine eigene Partei hinter sich wüsste. Insbesondere seine Forderungen zur studentischen Wohnheimspolitik muteten scheinheilig an – war er doch der Bürgermeister, der die Stadt bislang im Verwaltungsrat des Studentenwerks vertreten hatte. Gleichzeitig wirkte von Kirchbach beinahe schon bemüht-aggressiv, was sich unter anderem an seiner aufgeregt-lauten Nutzung des Mikrofons zeigte.

(Unschön) Überrascht war ich hingegen von der „Performance“ des „Bürgerkandidaten“ Günter Rausch, den ich zum ersten Mal „live und in Farbe“ erleben durfte. Hatte ich bislang den ihm gegenüber stets geäußerten Vorwurf, er verspreche „das Blaue vom Himmel“, für eine interessengeleitete Übertreibung gehalten, so musste ich mich an diesem Abend eines Besseren belehren lassen. Wortwörtlich das aristotelische „gute Leben für alle“ zu versprechen, es aber beinahe durchgängig auch am kleinsten Ansatz von Umsetzungsmaßnahmen fehlen zu lassen, wirkt eben nicht sehr überzeugend. So sehr mich bei Dieter Salomon die Abwesenheit jeglicher Art von „Vision“ stört, so sehr ging mir Günter Rausch mit seinen Heilsversprechen mit der Zeit auf den Geist. Dass er quasi im Alleingang („ich war damals schon in Wyhl dabei“) Fessenheim stillegen würde, war hier nur der aberwitzige Gipfel der Märchenstunde. Dazu kam, dass er – nach seinen Worten „erster Bürger als Oberbürgermeister“ – sich nicht zu schade war, auch auf die schmutzigsten Populismus-Tricks zurückzugreifen: Studierende im Jahr 2010 zu fragen, ob sie 2005 bei einem Bürgerbeteiligungsverfahren (zur Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge) beteiligt worden waren und mit der erwartungsgemäßen Antwort „Nein!“ einen Vorwurf zu verbinden, kann einen angesichts der durchschnittlichen Dauer eines Studiums eigentlich nur ungläubig den Kopf schütteln lassen. Nun mag man sagen: So ist das eben in der Politik. Sich aber einerseits als vorgeblich „integrer“ und „unabhängiger“ Bürger (meint wohl: „Nicht-Politiker“) zu geben und gleichzeitig derart tief in die rhetorische Schmuddelkiste zu greifen, passt in meinen Augen nicht zusammen.

Weitaus amüsanter – und für viele vielleicht auch aufschlussreicher – war dann der WG-Casting-Teil des Abends. Als erstes war Ulrich „Ulli“ von Kirchbach dran:  Nachdem er sich gegen Wein oder Bier und für Wasser („ich hab nachher noch ‚ne schwierige Veranstaltung“) entschieden hatte und auch sonst einigen Humor bewies, bezeichnete er 200 € für ein uninahes, 14qm-Zimmer als die preisliche Obergrenze – korrigierte das nach lautem Gelächter im Saal aber flugs auf „260, 270 warm“ hinauf. Tief blicken ließ er mit seinen Äußerungen zur Küchenkunde: Kochen sei „ein ganz wunder Punkt bei mir“ – „ich mäkel aber auch ned rum am Essen“ und „ich ess des einfach, ohne ne Miene zu verziehen“. Wenn das mal nur fürs Essen gilt… Jedenfalls überraschte von Kirchbach mich mit einem guten Sinn für Humor und einer gewissen Lockerheit, auch wenn er stets bemüht wirkte, irgendwie noch politische Punkte unterzubringen. Das machte auf mich in dem Kontext manchmal einen aufgesetzten und unsouveränen Eindruck.

Dieter Salomon dagegen ließ sich voll auf das Spiel ein – und ging sogar so weit zu versuchen, das Heft des WG-Castings an sich zu reißen („Ja, was macht ihr denn eigentlich so? Immerhin soll ich ja auch mit euch zusammenwohnen“). Das konnten die Mitbewohner_innen aber souverän abwehren und bekamen den weintrinkenden Dieter („Nein, nicht Didi, einfach Dieter“) dazu, seine Mietobergrenze mit 350 € zu betiteln, was ein Raunen durchs Publikum gehen ließ. Der Fairness halber muss man an der Stelle anmerken, dass ihm gegenüber die Größe des Zimmers (14 qm) nicht erwähnt worden war. Immerhin bestand er dann aber auch darauf, das Zimmer wenigstens mal zu sehen („Geht nicht, da sind gerade die Handwerker drin“). Die Lacher auf ihrer Seite hatten wiederum die Mitbewohner_innen, als sie den OB nach Schilderung seines Zeitungskonsums („BZ, taz, Spiegel, Zeit“) mit einem „Du arbeitest nicht so viel, oder?“ zur Freude des Publikums ziemlich auflaufen ließen. Insgesamt machte Dieter auf mich in dem Zusammenhang aber einen sympathischen Eindruck, ließ sich „auf das Spiel ein“ und versuchte auch nicht auf-Teufel-komm-raus politische Punkte zu machen. Man könnte ihm das natürlich auch als Inhaltsleere vorwerfen; in diesem Kontext wirkte es auf mich aber eher passend.

Günter Rausch („Günni oder Big G?“ – „Günter ist schon gut“) gab zum Schluss dann den alten WG-Hasen: Mit Bierchen in der Hand und Vietnam-Poster im Gepäck outete er sich zunächst als militanter Nichtraucher („Ich muss euch echt sagen, Rauchen in der Küche find ich echt scheiße“) um dann konfrontiert mit dem Vorwurf „als Neuling kommen und gleich alles verbieten“ etwas zurückzurudern und mit einem „Wir können über alles reden“ das Konsens-Prinzip zur Konfliktlösung vorzuschlagen. Ohne natürlich für den In-der-Küche-Rauchen-Konflikt so eine Lösung (oder auch nur: Ein Lösungsverfahren) präsentieren zu können – oder zu wollen. Die Sympathien des Publikums erwarb sich Rausch bei der Zimmermiete: „Mehr als 200 € hab ich nicht, egal ob warm oder kalt – vielleicht habt ihr ja ein bisschen mehr?“ – gelebte Solidarität; als Gegenleistung bot er handwerkliche und Koch-Tätigkeiten an. Auch Rausch machte seine Sache in meinen Augen gut; allerdings wirkte er hin und wieder etwas sehr studentisch-anbiedernd, was jedenfalls ich ihm nicht so recht abnehmen wollte. Aber vielleicht nahm er da auch einfach die ihm zugewiesene „Rolle“ beim Casting ernst. Keine Sympathien verspielte er bei der Fußball-Frage: Auch als Franke habe er „den Club schon immer gehasst“ – und sei überzeugter SC-Fan.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich die „Zimmer frei“-Veranstaltung wirklich gut fand: Informativ, kreativ und auch ein bisschen provokant, durchgehend fair und mit kritischen Nachfragen moderiert und insbesondere von den WG-Mitbewohner_innen amüsant choreographiert eine rundum gelungene Veranstaltung. Einzig die hauptsächlich passive Rolle, die dem Publikum zugewiesen wurde, wäre ein Punkt, an dem man mit Verbesserungen anknüpfen könnte. „Hut ab“ gegenüber den Organisator_innen – aber auch gegenüber den Kandidaten, die sich allesamt mit einer gesunden Prise Humor auf das WG-Casting einließen.

Ein Kommentar zu “„Zimmer frei“ im Freiburger Rathaus”

  1. blog.konstantin-goerlich.de » Salomon verfehlt deutliche absolute Mehrheit.

    […] Dr. Günter Rausch im Ergebnis glaubhaft transportieren konnten. Allerdings hatte nicht nur ich den Eindruck, daß Salomon mit überzeugenden Fakten oft vergeblich gegen Rauschs populistische Versprechungen […]

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