Eine Kulturgeschichte der Talkshow? – Versuch einer durchaus bösartigen Polemik

Angeregt von Hans-Jochen Vogel, dem bei Sandra Maischberger seine Verachtung für das Konzept Politiktalkshow ins Gesicht geschrieben stand, habe ich mich für den u-boten (Zeitung des u-asta in Freiburg) an einer Polemik über Politiktalkshows versucht. Vor hatte ich das schon lange mal, konkreter Anlass war in diesem Fall aber das neue Heft „Irgendwas mit Medien“, das am kommenden Donnerstag erscheinen wird! Hier gibts den Artikel schon vorab:

Wenn irgendwann eine Kulturgeschichte der Talkshow geschrieben werden wird, könnten HistorikerInnen zwei Entwicklungsstränge ausmachen: einerseits die im Deutschland der 90er Jahre populären Nachmittagtalkshows nach amerikanischem Vorbild, die zur Erheiterung der Zuschauer gerne auch Krawall enthielten und heute nicht einmal mehr durch den inflationären Einsatz von Lügendetektortests interessant erscheinen können. Andererseits die politische Gesprächsrunde, deren Ursprünge im deutschen Fernsehen irgendwo zwischen den Elefantenrunden am Wahlabend und dem internationalen Frühschoppen anzusiedeln sind. Sieht man einmal vom Presseclub ab, so sind letztere in ihrer Reinform aus dem deutschen Fernsehen längst verschwunden. Stattdessen talkt sonntags Anne Will, mittwochs Frank Plasberg und irgendwann – an welchen Tagen hat man schon längst vergessen – beglücken uns Maybrit Illner und Sandra Maischberger mit illustren Runden.

Professionelle Krawallmacher und die Auswahl der Gäste

Es ist eine merkwürdige Vermischung dieser beiden Talkshowstränge, die man vielleicht den U(nterhaltungs)-Strang und den I(nformations)-Strang nennen könnte, welche die heutigen Politiktalkshows – seien sie öffentlich rechtlich oder privat – auszeichnet. Allein die Gästezusammenstellung einer beliebigen dieser politischen Talksendungen zeigt wie deutlich der U-Strang auf die Politikrunden abgefärbt hat. Da werden Krawallmacher gesucht und gefunden: Im Schweizer Journalisten Roger Köppel, der mittlerweile zu fast jedem Thema bei Anne Will randarf, im PR-Berater Klaus Kocks, Einstecktücher am Sakko noch eine seiner angenehmeren Eigenschaften sind oder in Ruhrpottmacho Rudi Assauer, dessen Auslassungen über Homosexuelle im Fußball nur seine eigene Borniertheit beweisen. Selbst wenn eine Runde fast ausschließlich von PolitikerInnen dominiert ist, dürfen selten die Bedächtigen und Klugen ran, sondern meist die Lauten und Kontroversen. Oder gäbe es sonst einen Grund, so oft Sahra Wagenknecht oder Jörn Kubicki in diese Runden einzuladen? Um diesen Mangel zu kompensieren werden diese Runden dann manchmal durch Altvordere wie Heiner Geisler, Hans-Dietrich Genscher oder Hans-Jochen Vogel garniert, deren pure Präsenz einen Hauch von Staatsmännertum und Weitblick suggerieren soll. Die zweite Regel der Gästezusammenstellung ist eine einfache. Je mehr Extrempositionen zugegen, desto höher das Krawallpotential, oder was sonst qualifiziert die Vertreterin der „Generation Benedikt“ Sophia Kuby und den Filmregisseur und Radikalatheisten Rosa von Praunheim für eine Diskussion über Missbrauchsfälle in den Kirchen.

Maximierung der Quote und der Betroffenheitsfaktor

Sicher: Auch früher lebten solche Runden vom heftigen Streit und gegenseitigen Beschimpfungen, die Herren Strauß, Wehner, Schmidt und Kohl taten ihr übriges dazu: Ein einfaches „früher war alles besser“ verbietet sich also. Und dennoch sind die heutigen Runden trotz ihrer kontroversen Grundstrukur meist nur langweilig. Ergebnisse haben diese Runden keine. Politik wird in diesen Runden kaum noch gemacht und selbst zur Inszenierung von Politik taugen sie nicht mehr. Ihr einziger Zweck ist die Maximierung der Quote. Dazu dient ein weiteres Instrument: Der Betroffenheitsfaktor. Wie das geht? Ganz einfach: Man konfrontiere eine beliebige Fernsehdiskussion mit dazugeladenen Hartz-IV-EmpfängerInnen, alleinzerziehenden Vätern und Müttern, Medizinopfern oder MigrantInnen. So unterschiedlich die Hinzugeladenen bezüglich ihrer Lebensumstände sein mögen, immer gleich hoch ist der ihnen in diesen Sendungen zugewiesene Glaubwürdigkeitsgrad. Sie sind die ehrlichen Zeugen gegen eine versagende Politik, deren persönliche, subjektive Erfahrung durch ihr Auftreten oder im Notfall auch durch ein Einspielfilmchen objektiviert wird. Widersprechen können die versammelten DiskutantInnen diesen ehrlichen Zeugen nicht, sonst würden sie auf eine Welle der Entrüstung treffen. Ist ein Thema vermeintlich so langweilig und wenig kontrovers, dass auch die Betroffenheitskeule (man könnte sie auch den F(liege)-Strang nennen) nicht hilft, bleibt es den Talkrunden nur durch aus Funk und Fernsehen bekannte Gäste das Interesse anzuheizen. Denn wer wollte nicht schon mal wissen, was Senta Berger zur Gesundheitsreform, Christine Neubauer zur Missbrauchsproblematik oder Gewichtheber Matthias Steiner zu eigentlich allem zu sagen hat.

Das Streben nach Wahrheit und Plasbergs Lügendetektor

Eine letzte Entwicklung, die die KulturhistorikerInnen der Talkshowgeschichte interessieren könnte, soll hier thematisiert werden: Das Bestreben der Sendungsmacher, die eine ebenso wahre wie richtige Antwort zu finden. Verkörpert wird dieses Phänomen vor allem durch die Sendung „Hart aber Fair“ des renitent nachbohrenden Herrn Plasberg. Eine Mischung aus Augenzeugenberichten, Einspielfilmchen, Statistiken und der Meinung des Frank Plasberg versuchen, eine Wahrheit zu konstruieren, die aus Gründen der Ausgewogenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer irgendwo in der Mitte der von den Parteien vertretenen Aussagen liegen muss. Mittlerweile hat es Plasberg sogar in die Tagesschau geschafft. Am Wahlabend in Nordrhein-Westfalen durfte Plasberg in der Kurzelefantenrunde während der Tagesschau den nordrhein-westfälischen Integrationsminister Laschet mit einem Einspielfilmchen seines CDU-Parteikollegen Elmar Brok konfrontieren, um dann vorwurfsvoll nachfragen: „Wollen sie damit sagen, dass Herr Brok lügt?“ Um eine wirklich relevante Frage ging es nicht, sondern um den feinen Unterschied, ob Jürgen Rüttgers am Wahlabend seinen Rücktritt angeboten hatte oder eine verklausulierte Vertrauensfrage gestellt hat. Im an absoluter Wahrheit orientierten Konzept einer Sendung wie „Hart aber fair“ würde es nicht weiter verwundern, wenn dort bald auch Politiker an den Lügendetektor angeschlossen würden. Mittwochabends wird dies leider wohl kaum zu verhindern sein, in der Tagesschau aber hat es nichts verloren. Wie es besser sein könnte? Ich weiß es nicht, aber diese Lösungen müssen die KulturhistorikerInnen in einigen Jahrzehnten auch nicht suchen, für die genügt es ebenso wie für mich zu beschreiben und zu analysieren. Das sollte man vermutlich weniger polemisch und kontrovers machen, als in diesem Fall, aber auch ich bin eben ein Kind dieser Talkshowgeneration.

2 Kommentare zu “Eine Kulturgeschichte der Talkshow? – Versuch einer durchaus bösartigen Polemik”

  1. Felix Neumann

    Auf »politische« Talkshows kann man nicht genug einschlagen. Speziell zu Plasberg habe ich neulich unter dem Titel Plasbergs Populismus u.a. das geschrieben:

    Plasbergs Mittel der Wahl ist das Unterkomplexe. […] In »Hart aber fair (sic!)« ist es der scheinbar authentische Einspielfilm, das Einzelschicksal. Gegen die phänomenologische Wucht des isolierten Faktums kann es keine Differenziertheit geben. Wer sich benachteiligt fühlt, hat recht. Wer differenziert, wer lange Sätze benutzt, redet keinen »Klartext«, lügt. Wer Politik nicht auf wahr und falsch, schwarz und weiß, gut und böse reduziert, ist verdächtig. Wer darauf hinweist, daß Politik nicht nur das offensichtliche, das Symptom bedenken muß – was man sieht –, sondern auch die Folgen und das Gesamt – was man nicht sieht –, ist gefühlskalt und abgehoben – Höchststrafe.

  2. Philipp

    Dazu eine teilweise in den Metabereich abdriftende Assoziationskette von mir: Gestern in einer Diskussion über C. Crouchs Buch „Postdemokratie“, wo auch vom verflachten Niveau öffentlicher Auseinandersetzungen im Zeitalter extrem kurzer Politiker-“soundbites“ und stumpfsinniger Personalisierung jeder politischen Debatte die Rede ist, packten einige Verfechter des status quo die Kulturpessimismus-Keule aus: Schon für antike Philosophen sei „früher“ der öffentliche Streit noch vernünftig gewesen usw. (Wie) Kann sich sinnvoll dagegen wehren, wer allgemeine Verfallsdiksurse ablehnt, aber tatsächlich den Eindruck hat, Bundestagsdebatten oder eben politische Fernsehinterviews (Stichwort Günter Gaus; sogar „Talk im Turm“ ist in meiner Erinnerung deutlich niveauvoller als Christiansen/Illner/Will/Plasberg) waren einmal besser?

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