„Dein Gesicht für Joachim Gauck“ – Nachricht an Steffi Lemke

Ich möchte im folgenden gerne einen Nachricht dokumentieren (und zur Diskussion stellen), die ich eben über Facebook an die grüne Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke geschrieben habe – die mich per Facebook-Nachricht zur Teilnahme an der Aktion „Dein Gesicht für Joachim Gauck“ aufforderte und dabei unter anderem schrieb, dass es darum ginge, „den Wahlmännern und Wahlfrauen der Union und FDP zu zeigen, dass Parteitaktik bei dieser Wahl fehl am Platze ist“.

Liebe Steffi,

Du schreibst ich solle an der Aktion „Dein Gesicht für Joachim Gauck“ teilnehmen, um „den Wahlmännern und Wahlfrauen der Union und FDP zu zeigen, dass Parteitaktik bei dieser Wahl fehl am Platze ist“.

Ist das nicht ein bisschen zynisch? Als ob es keine „Parteitaktik“ der Opposition wäre, Joachim Gauck zu präsentieren, um damit die Regierungskoalition in Bedrängnis zu bringen. Nicht, dass ich das für „unzulässig“ oder „verwerflich“ hielte – aber sich dann im Brustton der moralischen (Schein)Überlegenheit gegen „Parteitaktik“ auszusprechen ist schon ein bisschen arg dick aufgetragen.

Nicht, dass nicht – neben dem Parteitaktischen – sehr viel für Joachim Gauck als Bundespräsident spräche. Aber so zu tun, als habe die bei Rot-Grün keine Rolle gespielt, verkauft die von Dir angeschriebenen echt ein bisschen für dumm. Zumal man – wenn es tatsächlich um Joachim Gauck und nicht sogar vorrangig (das ist nun meine Einschätzung, die man sicher nicht teilen muss) um Parteitaktik gegangen wäre, im Vorfeld wohl versucht hätte, die Linkspartei mit einzubinden. Wenn ihr das – entgegen den öffentlichen Äußerungen von Herrn Gysi – tatsächlich getan haben solltet, bitte ich um Aufklärung. Wenn nicht – müsst ihr euch diese Kritik wohl gefallen lassen.

Mit vielen (herzlichen!) Grüßen aus Freiburg,

Thorsten

8 Kommentare zu “„Dein Gesicht für Joachim Gauck“ – Nachricht an Steffi Lemke”

  1. filtor

    @thd: sehr ehrenwert, dass du noch an redlichkeit usw. in der politik bzw. zumindest bei den grünen glaubst. aber – achtung, schlechtes wortspiel mit „dein gesicht für gauck – it’s about time you faced the facts…

    obwohl ich gauck für absolut unwählbar halte aus linker sicht finde ich die aktion übrigens gar nicht nur blöd: in den meisten fällen würde dadurch jedenfalls gaucks gesicht hübscher. im ernst: wenn dann noch sein selbstgerecht-pastoraler tonfall und vor allem sein mit ns-verharmlosungen gespickter antikommunismus („12 jahre braune und 44 jahre rote diktatur“ usw.) ausgewechselt werden könnten…

  2. jb

    @ thd: Tja Thorsten – die Grünen verhalten sich halt annähernd genauso parteitaktisch wie die Anderen auch. Das durfte ich schon 2004 feststellen, als ich in Berlin war und folgenden Satz zu hören bekam: „Wenn die Opposition einen Gesetzentwurf in den Bundestag einbringt, dann müssen wir natürlich dagegen stimmen, da er ja von der Opposition kommt.“ Schon damals ging es manchmal mehr um die Parteitaktik denn um Inhalte und je länger man so arbeitet, umso selbstverständlicher wird einem dieses Verhalten.

    Die logische Konsequenz aus dieser Entwicklung ist dann, dass man sich beim politischen Gegner über Dinge entrüstet, die man in genau diesem Moment der Entrüstung selbst ebenso praktiziert – und merkt es nicht mal mehr. Kannst ja mal in den AK „Grüne Grundwerte“ reinschauen, der sich am 24.6. zum ersten Mal trifft.

    @ filtor: Willst Du etwa leugnen, dass die DDR eine Diktatur war? Und sehr verwegen finde ich auch Deine Beweisführung, dass Gauck antikommunistisch ist, denn die DDR als kommunistisch zu bezeichnen ist eine sehr verwegene Behauptung. Die DDR war vielleicht sozialistisch, aber sicher nicht kommunistisch. Und das sozialistisch war sie mit einem nicht unerheblichen Anteil staatsteroristischer Anwandlungen – oder wie würdest Du willkürliches Verschwindenlassen missliebiger, andersdenkender Personen unter fadenscheinigen Vorwänden und erfundenen Anschuldigungen nennen? Oder die Erpressung zur Zusammenarbeit mit den Staatsorganen unter Androhung von kindesentzug, wenn dieser zusammenarbeit nicht zugestimmt wird? Oder Kindesentzug und Adoptionsfreigabe der Kinder an verdiente Kader, wenn die Eltern unrechtmäßig ins Gefängnis kamen? Das alles willst Du sozialistisch oder gar kommunistisch nennen? Du solltest dringend mal die Bücher lesen, die diesen Lehren ursprünglich zu Grunde lagen, bevor Du solche waghalsigen Behauptungen äußerst.

    Jürgen

  3. holger

    was soll denn daran „parteitaktik“ sein!? gauck ist zwar der kandidat von rot-grün (und wäre es nach rot-grün gegangen auch der kandidat aller fraktionen) aber doch ganz sicher kein rot-grüner! mit der linken wäre es unmöglich gewesen in so kurzer zeit einen gemeinsamen kandidaten zu finden.

  4. thd

    @holger: Eben drum „Parteitaktik“. Um was, wenn nicht um die Destabilisierung der Bundesregierung, ging/geht es denn bitte rot-grün? Und „Unmöglichkeit“ zu beschwören ist wohl notwendig, wenn man es noch nicht mal auf den Versuch ankommen lässt…

  5. filtor

    @jb:
    1) antikommunismus ist eine ideologie des kalten krieges, die sich nicht um die bedeutung der begriffe kommunismus und sozialismus nach der marxistischen lehre kümmert.
    2) schlimme menschenrechtsverletzungen und „staatsterroristische maßnahmen“ der DDR sind unbestritten, genauso wie die dikatorische staatsform. („kindesentzug und adoptionsfreigabe an verdiente kader“ gab es allerdings nur in einer handvoll fälle und keineswegs so regelmäßig, wie häufig nahegelegt wird – zB neulich im bremer „tatort“).
    3) das problem bei gauck ist die gleichsetzung von DDR und NS, die ihm nicht nur ab und zu durch ungeschickte formulierung rausrutscht, sondern die er seit langem vertritt (siehe sein artikel im schwarzbuch des kommunismus). das dämonisiert nicht nur die DDR (und verhindert so berechtigte kritische aufarbeitung, fördert die flucht in „ostalgie“ usw.), sondern relativiert auch ungemein die NS-verbrechen.

  6. jb

    @ filtor:
    Schön, dass wir davon frei sind, Dinge zu relativieren. Ich habe in meinem persönlichen Umfeld alleine 2 Fälle von Kindesentzug in der DDR mitbekommen, wo die Beteiligten selbst noch viele andere Menschen aus der ehemaligen DDR kennen, denen dies ebenfalls passiert. Auch die Adoption kam deutlich häufiger vor, als nur in einer handvoll Fälle. Und glaub mir – ich habe meine Informationen nicht aus dem Bremer Tatort.

    Und mit Vergleichen ist immer die Frage, mit was vergleiche ich. Es gibt nunmal zwischen dem NS-Regime und den meisten anderen Staatsverbrechen eine riesige Kluft, die kaum zu überbrücken ist. Daran kommen eigentlich einzig die Verbrechen der Stalin-Sowjetunion und Kamboschas unter den Roten Khmer ran. Wenn man einen irrsinnig großen Wert nimmt und diesen in ein Balkendiagramm setzt und dann einen großen Wert daneben stellt, dann sieht dieser plötzlich nur noch wie Peanuts aus. Dies ändert jedoch nichts daran, dass dieser Wert für sich alleine genommen viel zu groß ist. Andere Staatsverbrechen kann man gar nicht ins richtige Verhältnis zu den NS-Verbrechen setzen, ohne entweder diese zu relativieren oder aber die anderen Staatsverbrechen zu marginalisieren. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als diese in einem falschen Maßstab darzustellen, um sie nicht zu marginalisieren.

    Die Engländer haben das KZ „erfunden“ – dies wurde von den Engländern in Südafrika genutzt, um die aufsässigen Buuren wegzusperren. Viele Buuren starben dort an Unterernährung und Krankheiten. Im Verhältnis zu den NS-Verbrechen natürlich verschwindend wenige, aber für sich alleine genommen immer noch unglaublich viele. Ist man deshalb ein NS-Relativierer, nur weil man dieses Verbrechen ebenfalls anprangert und auf Ähnlichkeiten zum NS-Regime hinweißt?

    Wieso die von Gauck hergestellten Analogien zwischen DDR-Unrechtsstaat und dem NS-Regime die kritische Aufarbeitung behindern oder gar zu Ostalgie führen, kann ich nicht nachvollziehen. Dieses Problem liegt doch viel mehr darin, dass bei den Diskussionen über die DDR keine saubere Unterscheidung zwischen dem allgemeinen und im Alltag gelebten Gesellschaftssystem der DDR und dem politischen Repressionssystem getroffen wird. Die „normalen“ und am Unrecht nicht direkt beteiligten ehemaligen DDR-Bürger sahen sich diesem System gegenüber meist ohnmächtig und zogen sich deshalb geistig aus diesem zurück, was nun zu diesen Anwandlungen von „Ostalgie“ führt, wo diese Menschen fragen, was das denn mit ihnen zu tun hatte. So kommen Aussagen wie „Wer sich systemkonform verhalten hat, hatte auch nichts zu befürchten. Uns hat die Stasi in Ruhe gelassen.“ Man weißt jede Verantwortung für dieses System von sich, da man ja nicht beteiligt war. Und so bleibt einem das Gute in Erinnerung, was heute leider „weggewestelt“ ist.

    Diese innerer Immigration ist aber nichts anderes, wie das, was die meisten Deutschen in der NS-Zeit auch getan haben. Ich will davon nichts wissen, also habe ich auch keine Verantwortung oder gar Schuld daran. Und hinterher kann man sagen: „Wieso, ich habe nichts davon gewußt, also trifft mich auch keine Schuld.“ Huch, habe ich jetzt relativiert?

    Und wieso bist Du Dir eigentlich so sicher, dass die DDR nicht auch auf dem Weg hin zu einem noch verbrecherischen Staat war? Was wäre wohl 1989 passiert, wenn in Moskau nicht Gorbatschow das sagen gehabt hätte sondern vielleicht ein KPdSU-Generalsekretär in stalinistischer Tradition? Der Weg zu einem blutigen Massaker in der DDR wäre wahrscheinlich nicht mehr weit gewesen.

  7. filtor

    auch in den „blättern“ versteht man nicht, wieso SPD und Grüne diesen protagonisten der rede von den „zwei diktaturen“ wählen können: http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/juli/yes-we-gauck

    @jb: ich denke dein post spricht für sich (und beantwortet deine frage nach der NS-relativierung recht eindeutig).

  8. filtor

    Stoibers Wahrheit und andere nette Spitzen gegen Gauck und seine Anhänger in der aktuellen jungle world: http://jungle-world.com/artikel/2010/27/41262.html

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